Coverstory

Geradeheraus

mit

Letitia Wright

Die guyanisch-britische Schauspielerin ist bereits mit ihrer Darstellung in einem der erfolgreichsten Superheldenfilmen der Welt in die Liga der Stars aufgestiegen und glänzt jetzt in Kenneth Branaghs Tod auf dem Nil an der Seite von weiteren Hollywood-Größen. LETITIA WRIGHT spricht mit ELLEN E JONES über die Rückkehr auf die Leinwand in der Verfilmung des „Agatha Christie“-Klassikers sowie in Steve McQueens Small Axe und die wertvollen Ratschläge, die sie von ihren Freunden aus der Filmbranche mit auf den Weg bekommen hat…

Foto Ekua KingStyling Helen Broadfoot
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Dieses Bild: Cardigan von Loewe. Jeans und Hemd von Bottega Veneta. Brogues von Dries Van Noten. Obiges Bild: Jacke von Sacai.

Letitia Wright ist nachdenklich gestimmt, als wir uns auf einer Parkbank an der Themse in London an einem klaren, sonnigen Tag treffen. Sie kommt gerade von einer Ensemble-Vorschau ihres neuesten Projekts Small Axe, einer Reihe von fünf Filmen des Regisseurs und Oscar-Preisträgers Steve McQueen über ‚Black Britons‘ in den 1960er, 70er und 80er-Jahren. „Ich bin noch immer dabei, es zu verarbeiten. Es ist etwas Besonderes“, sagt sie, während sie aufs Wasser blickt.

In der kommenden Neuverfilmung von Tod auf dem Nil, der zweiten Kinoadaption des Klassikers von Agatha Christie unter der Regie von Kenneth Branagh, spielt die 26-Jährige die Tochter Rosalie Otterbourne. Gal Gadot, Emma Mackey und Armie Hammer sind ebenfalls Teil des Staraufgebots des Films. Auch wenn Sie voller Begseiterung über dieses Projekt spricht, so haben sie zu Small Axe eine besondere Verbindung gespürt. „Ich habe es sofort verstanden, wissen Sie, was ich meine? Die Sprache, die mir aus meinen eigenen vier Wänden so vertraut ist, wie wir uns kleiden, wie wir interagieren… Es war schön, das zu erleben.“

Wright wurde in Guayana geboren und zog im Alter von sieben Jahren mit ihrer Familie nach London. Ihre Karriere begann mit einer Gastrolle in der britischen Krankenhausserie Holby City. Bisher spielte sie britische, afro-amerikanische Charakter sowie die Prinzessin von Wakanda im Film Black Panther, doch mit keiner konnte sie sich so sehr identifizieren wie mit ihrer Rolle als Altheia Jones-LeCointe, der Anführerin der britischen „Black Panther“-Partei in Small Axe. Bei unserem Treffen trägt Wright einen pastellrosa Trainingsanzug, eine Schildpattbrille und hält ein Notizbuch in der Hand. Sie sieht so eher wie eine Studentin als eine lautstarke Aktivistin aus, doch die Verbundenheit zu ihrer Rolle ist augenscheinlich. „Ich bin es gewohnt, die Kultur anderer anzusehen. Jetzt ist es an der Zeit, dass dies auch anders herum geschieht“, sagt sie.

„Ich bin es gewohnt, die KULTUR anderer ANZUSEHEN. Jetzt ist es an der Zeit, dass dies auch ANDERSHERUM geschieht“

Blazer aus Faux-Leder von Junya Watanabe. Hose von Wright Le Chapelain. Tanktop von AGOLDE.

Mit Ihrer Darstellung der legendären Bürgerrechtlerin Rosa Parks in einer Schulaufführung kam Wright erstmals mit der Schauspielerei in Berührung. Wie vielen andere Briten auch, war ihr die Geschichte der amerikanischen Anti-Rassismus-Bewegung vertrauter als die eigene. „Das ist einer der Gründe, warum ich es für wichtig halte, dass es Small Axe gibt – denn so vielen jungen Leuten, vor allem jungen Schwarzen, fehlt das Wissen über die Geschichte und die Menschen, die sich für sie eingesetzt haben.“

Sie selbst erfuhr so einiges erst im Erwachsenenalter und dieses Wissen hinterließ einen tiefen Eindruck: „Ich denke an das „New Cross“-Feuer [Anm. d. Red.: Ein vermutlicher Brandanschlag im Südosten von London im Jahr 1981, bei dem 13 junge Schwarze ums Leben gekommen sind.]… Nachdem ich darüber gelesen hatte, ging ich schlafen und die Gedanken daran quälten mich tagelang.“ Bei einem emotionalen Treffen mit der echten Jones-LeCointe, die inzwischen als Wissenschaftlerin in ihren 70ern tätig ist, lässt sie ihren Gefühlen freien Lauf. „Wir weinten gemeinsam und hielten uns an den Händen, und ich versprach ihr, dass ich so gut wie nur möglich dafür sorgen würde, dass sie als Person unvergessen bleibt.“

„Der GEDANKE, ohne ihn [Chadwick Boseman] weiterzumachen, ist BIZARR. Im Moment trauern wir um ihn und versuchen, einen HOFFNUNGSSCHIMMER in all dem Schmerz zu finden“

Mantel und Cardigan von Bottega Veneta. Stiefel von Ann Demeulemeester.
Blazer und Hose von Isabel Marant. Tanktop von AGOLDE. Gürtel und Sneakers von Prada.

Trotz dieser emotionalen Belastung herrschte am Set von Small Axe eine positive Stimmung. Es war eine willkommene Gelegenheit, „einfach unsere Kultur kompromisslos zu genießen.“ Jedes Jahr besucht Wright den berühmten Londoner Notting Hill Carneval, vor allem wegen der kulinarischen Genüsse, und sie sehnt sich nach einer Reise nach Guyana. Doch das ist nicht so leicht: „Nach Hause zu fliegen wird eine kleine Herausforderung werden. Ich muss es gut planen, denn ich möchte jeden sehen und alle haben mich und meine Karriere als eine Frau aus Guyana so sehr unterstützt.“ Ich vermute, sie versucht so mit ihrer typisch bescheidenen Art auszudrücken, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit von Fans belagert würde und ohne schützenden Autokonvoi nicht wirklich mobil sei.

An diese Realität musste Wright sich erst gewöhnen, nachdem Black Panther 2018 in die Kinos kam und sämtliche Rekorde brach. Der Film spielte nicht nur ein Vermögen für die Marvel Studios ein und beeinflusste die panafrikanische Identität, sondern veränderte auch Wrights Leben. Sie hatte zuvor bereits einige Durchbrüche in ihrer Karriere erlebt. Regisseur Michael Caton-Jones verglich ihr Talent mit dem eines jungen Leonardo DiCaprios, sie spielte einen jungen Gangster in der Drama-Serie Top Boy und sie wurde 2015 bei den Baftas als eine der „Breakthrough Brits“ auserkoren. Doch mit ihrer Darstellung der Shuri katapultierte sie sich in die oberste Liga. Die super-smarte Verkörperung von „Black Girl Magic“, die Black Panthers kleine Schwester sowie die „Q“ zu seinem James Bond ist, wurde auf einen Schlag zur Ikone.

„Mein VATER hat mich das gelehrt… Für meine INTEGRITÄT habe ich bereits auf MILLIONEN verzichtet.“

Jacke von Sacai. Hose von Loewe. Brogues von Dries Van Noten.
Mantel von Totême.

Im August verlor Chadwick Boseman, der den T'Challa alias Black Panther verkörperte, mit nur 43 Jahren seinen vierjährigen Kampf gegen den Krebs. Wright betrachtete Boseman als ein Familienmitglied – sie nennt ihn liebevoll „meinen Bruder“ – und auch einen Monat nach seinem Tod sei sich nicht bereit, über diesen schweren Verlust zu sprechen. „Wir trauern noch immer um Chad, daher will ich darüber gar nicht nachdenken“, gesteht sie. „Der Gedanke, ohne ihn weiterzumachen, ist bizarr. Im Moment trauern wir um ihn und versuchen, einen Hoffnungsschimmer in all dem Schmerz zu finden.“

Dabei ist sie nicht alleine, denn ihre Freunde aus der Branche stärken ihr den Rücken. Während unserer Unterhaltung erzählt sie mir von den vielen Ratschlägen, die sie in ihrer Laufbahn erhalten hat. John Boyega will wissen, warum sie nicht auf Dates geht („Ich habe gesagt, ‚John, es ist Zeitverschwendung! Wozu denn? Datest du?‘ Und er hat geantwortet, ‚Tish, ja klar gehe ich auf Dates!‘ Ich muss meine Ehefrau finden!‘“) Moonlight-Star Naomie Harris möchte, dass sie an die Familienplanung denkt („Sie sagte, ‚Sis, ich sage dir gleich, du solltest nicht nur an die Arbeit denken…“). Black Panther-Regisseur Ryan Coogler wünscht sich, dass sie als Rapperin tätig wird („Er hat mir vor ein paar Monaten geschrieben, ‚Tish, wir warten auf das Mixtape‘“). Es scheint so, als sei Wright nicht nur T'Challas geliebte, kleine Schwester, sondern die der ganzen Filmindustrie.

„Ich LIEBE sie und respektiere ihre Arbeit, doch ich hatte das BEDÜRFNIS, „Black Girls“ in einem anderen Licht darzustellen. Ich wollte nicht EINDIMENSIONAL sein“

Mantel von Totême. Trenchcoat von Kassl Editions. Shorts von Nili Lotan. Brogues von Dries Van Noten. Gürtel von Isabel Marant.

Auch Steve McQueen nahm sie eines Tages am Set zur Seite und gab ihr einen Rat: „Er sagte, ‚Tish, Du bist eine Künstlerin! Deine Arbeit hier und zu dieser Zeit ist genau richtig. Verliere Dich selbst nicht in Hollywood!‘“ Doch McQueen muss sich keine Sorgen machen. Die in sich ruhende Integrität, die Wright auf der Leinwand ausstrahlt, ist authentisch. „Mein Vater hat mir das beigebracht… Für meine Integrität habe ich bereits auf Millionen verzichtet.“

Beispielsweise hätten nicht viele 17-Jährige eine Rolle in Top Boy, Drakes Lieblingsshow auf Netflix, nach der ersten Staffel aufgegeben. „Ich liebe sie und respektiere, was sie geschaffen haben, doch ich hatte das Verlangen, schwarze Mädchen in einem anderen Licht darzustellen. Ich wollte nicht eindimensional sein und zu dieser Zeit wurden uns Beispiele wie Shuri oder Nish [Wrights Rolle in Black Mirror] oder Altheia Jones-LeCointe nicht geboten… Ich bin allen Beteiligten dieser Show sehr dankbar, aber ich befand mich auf einem anderen Weg.“

„Ich bin ERFOLGREICH, es läuft gut für mich, doch den richtigen PARTNER für mich zu finden ist… schwierig“

Die nächste Station auf diesem Weg bildet ihre eigene Produktionsfirma namens Threesixteen Productions, die sie nach einem Bibelvers benannt hat und mit der sie vielfältigere Geschichten in die Filmbranche zu integrieren plant. „Diesen Namen trage ich in meinem Herzen. Als ich mich in einer schwierigen Lebenssituation befand, stand Gott mir bei und seine Kraft half mir da wieder raus zu kommen, und so sehe ich auch meine Produktionsfirma: Es gibt ein Problem und es wird eine Lösung dafür gefunden.“

Auch wenn ihre Karriere steil nach oben geht, so wendet sich die 26-Jährige ganz bewusst nach innen und beschäftigt sich vornehmlich mit persönlichen Projekten. Daher frage ich sie, ob sie darüber nachgedacht hat, John Boyegas Rat zumindest teilweise anzunehmen und eine romantische Rolle zu spielen. Die Schauspielerin kann sich ein Lachen nicht verkneifen und sagt: „Wow, Sie haben heute aber gewagte Fragen parat!“ Ich erfahre, dass Wright vor Kurzem mit dem britischen Autor und Regisseur Dominic Savage an einer romantischen Storyline für seine Serie I Am zusammengearbeitet hat. „Wir haben uns unterhalten und ich äußerte, ‚Ich verstehe es nicht!‘ Ich bin erfolgreich, es läuft gut für mich, doch die richtige Person für mich zu finden ist…sehr schwierig.‘ Wir haben das Projekt erst am Freitag abgedreht, daher denke ich noch immer darüber nach!“

Cardigan von Loewe. Hemd von Bottega Veneta.

Es sieht so aus, als könne Wright alles erreichen, was sie möchte. Sie blickt geradeaus, alle Möglichkeiten stehen ihr offen und sie geht ihren Weg ohne Umschweife. Da sie bereits zu dem Leinwandvorbild geworden ist, das sie selbst als Jugendliche vermisste, hat die 26-Jährige nun eine Verschnaufpause verdient, um einfach auf einer Parkbank zu sitzen, übers Wasser zu schauen und sich zu fragen: „Was kommt als nächstes…?“

Small Axe startet am 15. November 2020 auf BBC1 und BBCiPlayer. Tod auf dem Nil startet am 18 Dezember 2020 in den Kinos (USA und UK).