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Faszinierende Frauen. Einzigartige Mode. Jeden Tag.

Porter
Coverstory

Zeichen setzen

mit

Thandie Newton

Sei es ihr Einsatz für mehr Gleichberechtigung und ethnische Vielfalt in Hollywood oder ihr Kampf gegen Missbrauch in der Filmindustrie, Schauspielerin THANDIE NEWTON nutzt seit jeher ihre Stimme, um Zeichen zu setzen. Mit ALICE CASELY-HAYFORD spricht sie über Macht, Vorurteile und den Stolz einer Mutter…

Foto Liz CollinsStyling Cathy Kasterine
Coverstorys

Mit einem Namen (Thandiwe), der in der simbabwischen Sprache Ndebele ,Geliebte‘ bedeutet, war es Multitalent Thandie Newton vielleicht bereits in die Wiege gelegt, ihr Publikum auf verschiedenste Weise zu berühren. Ihre Rolle der Christine in Crash (2004), für die sie einen BAFTA-Award erhielt, bewegte viele aufgrund der meisterhaften Illustration der Rassenkonflikte und sozialen Spannungen in den USA. Seit 2016 ist sie als gefühlsfähige Androidin in der Fernsehserie Westworld zu sehen. Sie spielt den gegen das Patriarchat rebellierenden Roboter auf eine derart eindrückliche Weise, dass Millionen an Zuschauern kaum den Blick vom Bildschirm abwenden können. Fernab der Schauspielerei engagiert sie sich unermüdlich gegen Gewalt an Frauen und Kindern, für den Klimaschutz, gegen sexuellen Missbrauch, AIDS und Armut. Sie schafft Bewusstsein für globale Themen, was ihr einen festen Kreis an Unterstützern beschert hat. Darüber hinaus ist da ihre Arbeit als Produktionsleiterin bei Projekten wie der Dokumentation Liyana aus dem Jahr 2017 über Waisenkinder in Swasiland.

Im Jahr 2012 gründete Newton, die Tochter eines englischen Vaters und einer simbabwischen Mutter, gemeinsam mit Freundin und Make-up-Artist Kay Montano die Beauty-Website ThandieKay, wohl einer ihrer vergleichsweise weniger bekannten Erfolge. Kennengelernt hatten sich die beiden Frauen zehn Jahre zuvor bei einem Shooting der britischen Vogue. Ziel war es, eine Community-Plattform für Women of Color zu schaffen. Für mich war die Website damals eine Offenbarung. Ich war Mitte Zwanzig, eine schwarze Journalistin in der Modebranche, und sah diese beiden unglaublich erfolgreichen Women of Color, die es sich zum Ziel gesetzt hatten, unterschiedliche Schönheitsvorstellungen in den Fokus zu rücken.

„Ich wollte, dass mir meine Arbeit mehr zugutekommt, dass sie mehr den anderen Dingen entspricht, die ich mache, Dinge, die mich viel mehr interessieren, die mich bereichern“, beschreibt sie den Grund für den Launch von ThandieKay, während sie die Speisekarte des simplen japanischen Restaurants im Londoner Westen begutachtet, in dem sie mit ihrer Familie regelmäßig essen geht. „Ich wollte die [Schauspielerei] ganz langsam auslaufen lassen.“

„Meine FRUSTRATION hält sich in Grenzen, weil ich das Ganze schon seit 30 Jahren MITVERFOLGE und es mich VERFOLGT“

Gerade jedoch als die Website bekannter wurde, klopfte Westworld an. Newton beschloss, ThandieKay zu pausieren und als Maeve auf den Bildschirm zurückzukehren. Zum Glück kündigten sich die ersten Vorboten richtungsweisender Veränderungen in der Branche an. Immer mehr Publikationen zogen nach und bildeten auf ihren Seiten eine vielfältigere Welt an. „Wir sind nicht mehr aktiv dabei, denn sehen Sie, was passiert ist“, sagt Newton nachdrücklich. Sie bezieht sich darauf, dass die Medien, vor allem die Beauty-Branche, gelernt hat, Vielfalt anzuerkennen und selbst zum Ausdruck zu bringen. „Ich glaube, wir haben den Boden bereitet und zumindest viele Menschen zusammengebracht, Menschen, die gar nicht wussten, dass es uns alle gibt.“

Während wir unsere Edamame-Bohnen essen, frage ich Newton, ob sie wirklich an die Veränderungen glaubt oder ob sie, wie ich, denkt, dass alles nur oberflächlich ist. „Die Dinge brauchen Zeit“, sagt sie. Ihrer Antwort sind das Wissen und Bewusstsein einer Person herauszuhören, die im Laufe ihrer beeindruckenden Karriere vielen Vorurteilen und viel Gegenwind ausgesetzt war. „Ich glaube, meine Frustration hält sich in Grenzen, weil ich das Ganze schon seit 30 Jahren verfolge und es mich verfolgt. Ich bin dagegen angegangen.“

Und wie sie dagegen angegangen ist. Lange bevor #MeToo und Time’s Up hat sich Newton gegen Missbrauch und Verfehlungen in der Branche ausgesprochen. Im Alter von 18 Jahren, bei einem Vorsprechen vor der Kamera, wurde sie von einem ungenannten Regisseur dazu aufgefordert, sich intim zu berühren. Sie folgte der Anweisung, weil eine weibliche Casting-Direktorin anwesend war. Später stellte sich heraus, dass der Regisseur im Anschluss mit der Aufnahme vor Kollegen angab. Immer wieder hat Newton dieses Erlebnis und andere schmerzhafte Erfahrungen in der Öffentlichkeit thematisiert. Nicht immer wurde ihr geglaubt, teils wurde sie dafür geächtet. Ihr mutiges Vorgehen hat sie Freundschaften und Jobs gekostet. Selbst ihre Eltern, in der Hoffnung, sie damit zu beschützen, baten sie, sich nicht mehr öffentlich dazu zu äußern.

„Ich wollte WEITERMACHEN, weil ich nicht GLAUBEN wollte, dass man mit sowas DURCHKOMMEN konnte“

„Meine Eltern mussten so viel durchmachen”, sagt sie mit sanfter Stimme. „Es war eine große Sache. Niemand wollte mehr, dass ich aufhöre, als sie. Ich wollte weitermachen, weil ich nicht glauben wollte, dass man mit sowas durchkommen konnte. Auf mich wirkte es wie eine Erlaubnis zum Missbrauch.“

„Ich hatte nur meine eigene Erfahrung und musste weiter darüber sprechen, in der Hoffnung, dass es anderen helfen würde. Ich wollte es nicht für mich, es ging mir um die Kultur und um das System.“

Jahre sind ins Land gezogen, aber noch immer setzt sich Newton für das Gute ein. Als Vorstandsmitglied von V-Day, einer globalen Bewegung, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Gewalt gegen Mädchen und Frauen ein Ende zu setzen, demonstriert sie Solidarität mit den Überlebenden und verspricht, nicht aufzugeben, bis die Gewalt ein Ende hat. „Ja, ich bin erschöpft, das trifft es wohl am besten.” Aber sie wendet ein, dass sie sich noch erschlagen fühlen würde, wenn sie nicht für ihre Überzeugung eintreten würde. „Es würde mir psychisch definitiv schlechter gehen. Meine Arbeit und die tollen Menschen um mich herum sind die beste Medizin.“

Auch wenn es noch so viele Kämpfe auszutragen gilt, bleibt Newton optimistisch. „Wir sehen so viele schöne Dinge in der Welt, die die schlechten Dinge wieder wettmachen. Die Menschen sind so warmherzig. All den negativen Aspekten, all der Angst, stehen unsere Kreativität und unser Mut gegenüber. Danach müssen wir Ausschau halten müssen, denn oft spielt es eine Rolle, wo sich unser Blick hinwendet.“

In Sachen Kreativität: Ihre Rolle in Westworld hat Newton in den vergangenen vier Jahren zum Superstar gemacht. Mit Spannung erwarten Millionen die Rückkehr der dritten Staffel, die am 15. März beim TV-Sender HBO anläuft. In der neuen Staffel mit dabei sind unter anderem Aaron Paul, Lena Waithe, Vincent Cassel und Kid Cudi. „Es ist eine natürliche Entwicklung“, verrät sie. „Die Handlung wird immer dichter, weil die Drehbuchautoren einen Plan für fünf Staffeln haben. Ich weiß nicht, was von Folge zu Folge passiert. Diese Staffel war für uns alle ein Geschenk und ich bewundere alle, die daran beteiligt waren. Wir haben alle sehr großen Respekt voreinander und sind als Menschen daran gewachsen.“

Die Schauspieler mögen daran gewachsen sein, aber es ist Newtons Serienfigur Maeve, welche die größte Entwicklung mitgemacht hat, von einem Zustand der Unwissenheit hin zu vollkommener Selbstbeherrschung und Power. „Diese Rolle ist einfach genial. Mit ihrer Perspektive [als Roboter] lehrt sie den Zuschauern so vieles… .Was sie stark macht, sind die Eigenschaften, die sie sich von den Menschen abgeschaut hat, sie hat sich die Rosinen herausgepickt. Es ist wirklich eine großartige Staffel mit einem tollen Regie-Team. Bei fünf der acht Folgen hat eine Frau Regie geführt. Ich habe in den letzten zwölf Monaten mit so vielen Frauen arbeiten dürfen.“

Eine dieser Frauen ist Lisa Joy, Co-Autorin von Westworld. Newton hat erst kürzlich erneut mir zusammenarbeitet, bei Joys Regiedebüt Reminiscence. Der Film, dessen Dreharbeiten im Dezember abgeschlossen wurden, spielt in der nicht allzu fernen Zukunft, einer Zukunft mit steigendem Meeresspiegel und steigenden Temperaturen. „Was sie aus technischer Sicht mit dem Film macht, ist großartig und unglaublich innovativ “, sagt Newton begeistert. „Der Film kombiniert die Genialität von Memento und Inception.“

„Diese Staffel [ Westworld] war für uns alle ein GESCHENK und ich BEWUNDERE alle, die daran BETEILIGT waren“

Newton spielt in dem Science-Fiction-Thriller Hugh Jackmans beste Freundin. Ich muss sie fragen, wie es ist, mit dem australischen Star gemeinsam vor der Kamera zu stehen. „Hugh Jackman ist unheimlich nett, warmherzig und präsent. Ein echter Familienmensch und einfach ein toller Typ.“

Reminiscence gab ihr auch die Gelegenheit, gemeinsam mit ihrer 15-jährigen Tochter Nico vor der Kamera zu stehen, die im vergangenen Jahr in der Fantasy-Neuverfilmung Dumbo ihr Debüt auf der großen Leinwand gab. „Es war, als würde ich die Fackel weiterreichen”, erzählt die 47-jährige Schauspielerin sichtbar stolz. „Ich hoffe, dass sie nicht die gleichen Sprints hinlegen muss wie ich, aber so wird es wohl nicht sein. Sie wird andere Rennen laufen. Sie ist großartig.“

Nach Reminiscence steht für sie der Neo-Westernthriller God’s Country von Regisseur Julian Higgins auf dem Programm. „Ich habe erst Nein gesagt, weil ich gerade erst Westworld abgeschlossen hatte und eigentlich nicht mehr so viel schauspielern wollte. Der Film erzählt von kleinen Dingen, die viel Raum einnehmen. Er handelt von normalen Menschen, die normale Dinge tun. Ich dachte mir: ,Das sind genau die Dinge, über die ich sowieso nachdenken würde.‘“

„Ich STYLE mich ungeheuer gerne und ich liebe schöne KLEIDER, sie sind wie KUNSTWERKE“

Die Dreharbeiten für den Film beginnen nur wenige Tage nach unserem Interview in Montana. Danach aber steht für Newton eine wohlverdiente Pause daheim bei ihrer Familie an, bei ihren drei Kindern Ripley, Nico und Booker und ihrem Ehemann Ol Parker, mit dem sie seit 22 Jahren verheiratet ist. „Wir sind eine Einheit. Mein Mann schreibt seit Mamma Mia! Here we go again wie besessen an einem neuen Drehbuch für einen Film, bei dem er Ende des Jahres auch Regie führen wird. Dann habe ich die Gelegenheit, ihn zu unterstützen. Ich bin gerne dabei, wenn er Regie führt.“

Ihre Familie ist für sie das Wichtigste. Im April wird sie sie mit zum Buckingham Palace nehmen, wo sie mit dem Verdienstorden OBE für ihr Wohltätigkeitsengagement und ihre Verdienste in der Filmbranche ausgezeichnet wird. Auf die Frage, was sie zur Verleihung anziehen wird, antwortet sie augenblicklich: „Ein Outfit von Duro [Olowu]”. Ihre Bewunderung für das Talent des Designers ist nicht zu überhören.

Ebenfalls zu ihren Lieblingslabels gehören Rejina Pyo, Erdem, Christopher Kane,, Giles Deacon, Brandon Maxwell und The Vampire’s Wife. „Ich style mich ungeheuer gerne und ich liebe schöne Kleider, sie sind wie Kunstwerke. Ich liebe Farben.“

Unser Mittagessen ist vorbei und Newton setzt sich bereits ihre Mütze auf, um noch schnell Partytüten für den bevorstehenden sechsten Geburtstag von Booker zu kaufen, da kommen wir noch einmal darauf zu sprechen, was sich im Laufe ihrer Karriere verändert hat. „Wenn ich mir die Film- und Unterhaltungsbranche im Allgemeinen von einem Jahr aufs andere ansehe, dann sehe ich eine regelrechte Explosion an Talent“, so Newton. „Die Forderungen der jungen Generation zeigen Wirkung. Vor 30 Jahren waren unsere Möglichkeiten, ins Filmgeschäft zu kommen, sehr beschränkt, aber in diesen 30 Jahren ist viel passiert. Wir müssen sicherstellen, dass die Öffentlichkeit mitreden kann, wir müssen zuhören, weitermachen. Wenn wir den Eindruck haben, dass der Wandel nur oberflächlich ist, müssen wir mehr Druck machen.“ Eines ist sicher, wir sollten dankbar sein, dass Newton ganz vorne mit dabei ist.

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