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Porter
Coverstory

Augen auf

mit

King Princess

Innerhalb ihrer „LGBTQ+“-Fangemeinde hat Musikerin KING PRINCESS längst den Thron der „Queer“-Heldin bestiegen und mit ihrem ersten Studioalbum Cheap Queen eine moderne Hommage an gleichgeschlechtliche Liebe kreiert. Die Sängerin, Songwriterin und Produzentin spricht mit AMELIA ABRAHAM über das Leben im Lockdown, individuellen Stil und ihren unermesslichen Einsatz für die Transgender-Community sowie die „Black Live Matters“-Bewegung

Foto Quinn WilsonStyling King Princess
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Top von Orseund Iris. Shorts von Agolde. Sandalen von Ann Demeulemeester. Kette King Princess’ eigene.

Mikaela Straus, besser bekannt als Popstar King Princess, sitzt auf der Veranda ihrer Mutter in Hawaii. Es ist neun Uhr morgens, als sie genüsslich ihre Tasse Kaffee trinkt und ihr neuer Hund im Hintergrund des Zoom-Anrufs durchs Bild hin und her läuft. „Was für ein Hund ist das?“, frage ich. „Ein sexy Hund“, kokettiert sie, um mir im Anschluss zu erklären, dass das Haustier ein echtes Kind der Liebe zwischen ihr und ihrer Lebenspartnerin Quinn Whitney Wilson sei. Nicht nur ist Wilson die Kreativdirektorin von Lizzo, sondern auch eine brillante Filmemacherin und Fotografin. Für PORTER hat sie Straus auf der Spitze eines Vulkankraters in 3.000 Metern Höhe abgelichtet.

„Du hast den Lockdown mit deiner Mutter und deiner Freundin verbracht. Kannten die beiden sich bereits?“, möchte ich wissen. „Sie haben sich bei meinem Auftritt auf dem Coachella-Festival kennengelernt. Damals waren wir noch gar kein Paar“, erklärt sie. „Meine Mutter ist einfach fantastisch und begleitet mich immer zu den wichtigen Lebensereignissen. Doch ich gehöre nicht zu denjenigen, die ihre Mutter als beste Freundin bezeichnen. Das finde ich etwas seltsam.“

Allein der Name King Princess gibt in der Tat Aufschluss über die aus Brooklyn stammende Musikerin, Songwriterin und Produzentin. Die gerade mal 21-Jährige legt einen überraschend selbstbewussten Auftritt sowohl in Interviews, Live-Shows als auch im Leben hin. Sie scheint regelrecht für die Bühne geboren zu sein. Ihren charakteristisch androgynen Stil lebt Straus in ihren Videos und Performances aus, und spielt auf theatralische Weise mit den Geschlechterrollen. Der New Yorker Fotograf Michael Bailey Gates setzte sie für das Cover ihres im Jahr 2019 erschienenen Albums Cheap Queen als dramatische Drag-Queen mit entsprechendem Make-up gekonnt in Szene, während sie im Video für ihren Song Prophet als amerikanischer Football-Player überzeugt.

Playsuit von Gucci.

Kein Zweifel, für ihre große „LGBTQ+“-Fangemeinde stellt King Princess eine wahre Queer-Heldin dar. Ohne Umschweife und Tabus schreibt die 21-Jährige über gleichgeschlechtliche Liebe. Ein Thema, das bereits von Pop-Künstlerinnen wie Hayley Kiyoko, Troye Sivan und Janelle Monáe populär gemacht wurde. Doch es bedarf noch mehr Popularität. Ihre erste Single 1950 ist eine Hommage an den Roman The Price of Salt (eine lesbische Liebesgeschichte), auf dem der Film Carol basiert, und ihr Album Pussy is God hat längst den Status eines Gay Anthems erlangt. „Um ehrlich zu sein, wollte ich diesen Song gar nicht erst veröffentlichen, doch meine Mutter hat darauf bestanden“, lacht sie. „Ich fand den Song damals zu obszön, doch dann sehe ich im Publikum, wie sich die Frauen beim Mitsingen des Songs gegenseitig tief in die Augen sehen. Damit habe ich den Zweck wohl voll erfüllt und das finde ich schön“.

Trotz der anhaltenden Versuche der Musikpresse, King Princess in die Schublade der „Queer Artists“ zu stecken, hat sich die Künstlerin von diesen Fesseln befreien können, was ihr sowohl Kritikerlob als auch Millionen von Spotify-Klicks eingebracht hat. Dies verdankt sie ihrer Musik selbst, die eingängigen Melodien und einfühlsamen, modernen Texte haben Straus zu vielen Kooperationen mit anderen Künstlern verholfen. Mark Ronson nahm sie im Jahr 2017 schließlich für sein Label Zelig Recordings unter Vertrag und hat seitdem Songs wie Pieces of Us produziert, den er gemeinsam mit King Princess auf dem Glastonbury-Festival im Jahr 2019 aufgeführt hat. Erst kürzlich hat sie mit Fiona Apple für deren Cover-Version des Songs I Know aus dem Jahr 1999 zusammengearbeitet und wäre die Pandemie nicht dazwischengekommen, hätte sie ihren langjährigen Fan Harry Styles auf dessen Tournee musikalisch begleitet.

Auch wenn sie sich lange Zeit gegen den Stempel „Queer Artist“ gewehrt hat, so klingt Straus dem gegenüber mittlerweile etwas gelassener. „Natürlich wäre es mir am liebsten, einfach nur als bombastische Musikerin geschätzt zu werden und nicht als „Queer Artist“. Diese Labels sollten erst gar nicht zur Debatte stehen und schon gar nicht meine Kunst beeinflussen. Für niemanden da draußen sollte dieses Schubladendenken ein Thema sein. Doch angesichts der aktuellen, globalen Geschehnisse ist es mir wichtig, meine Identität als „Queer Artist“ positiv zu nutzen, um eine klare Botschaft zu senden: ‚Ja, ich bin queer, ich unterstütze die „Black Lives Matter“-Bewegung und werde Rassismus sicher nicht selbstgefällig betrachten.‘ Ich möchte meine Stimme nutzen, um auf direktem Wege zu meiner „LGBTQ+“-Gemeinde zu sprechen. ‚Wir müssen uns zusammenschließen. Ja, wir werden auch unterdrückt, doch das ist noch lange kein Grund, die Augen vor der Unterdrückung anderer Gemeinden zu verschließen. Augen auf!“

„Sämtliche MODEHÄUSER und Modelinien sind seit jeher auch von der Kultur der TRANSGENDER und BLACK Community geprägt worden“

Wir sind beide der gleichen Meinung, dass es wahrlich ein ungewohnter Zeitpunkt für ein Interview dieser Art ist. Straus fühlt sich sichtlich unwohl dabei: „Es fühlt sich irgendwie falsch an, über mich selbst zu sprechen.“ Der vergangene Monat wurde zurecht dominiert von den weltweiten „Black Lives Matter“-Protesten, ausgelöst vom tragischen Tod von George Floyd. Sie besteht darauf, dass wir entsprechende Organisationen und Projekte verlinken, die mit Spenden unterstützt werden sollten, wie etwa das The Okra Project und das Marsha P. Johnson Institute. Im Anschluss an unser Interview fliegen sie und Wilson nach Los Angeles, um an weiteren Demonstrationen teilzunehmen. „Wir waren auch bei Protesten hier in Hawaii, doch das ist irgendwie anders. Eher dezent und gediegen,“ erklärt sie. „Die Menschen hier schreien nicht so rum, so wie sie es in den Städten tun, in denen wir beide aufgewachsen sind. Quinn ist aus Minneapolis, ich aus New York und jetzt leben wir in LA. Wir möchten ein Teil dieser Bewegung sein, und zwar vor Ort.“

Wir befinden uns zudem im „Pride“-Monat und hinzukommt, dass zwei Transgender Women of Color in Amerika ermordet wurden, während die Rechte der Transgender-Gemeinde systematisch gekürzt werden. Einen Tag vor unserem Interview hatte sich die britische Schriftstellerin J.K. Rowling online in transphober Weise geäußert. Straus war so entsetzt darüber, dass sie auf Instagram ihrem Frust freien Lauf ließ.

„Ich glaube, das Problem liegt darin, dass Menschen nicht über den Tellerrand hinausschauen“, seufzt Straus. „Keine Ahnung, warum so viele nicht verstehen, dass sie nicht zwangsläufig zu einer bestimmten Gruppe dazu gehören müssen, um Mitgefühl und Verständnis aufzubringen. Ich werde niemals wissen, wie es sich anfühlt, schwarz zu sein, doch ich kann die „Black Lives Matter“-Gemeinde tatkräftig unterstützen und meinen Beitrag leisten.

Vor diesem Hintergrund müssen wir im Pride-Monat 2020 vor allem auch die People of Color feiern und unterstützen. „Ohne schwarze Transgender-Frauen würde es Pride überhaupt nicht geben“, betont Straus. Sie bezieht sich auf die Transgender Women of Color, die im Jahr 1969 die Stonewall-Aufstände initiiert hatten und sich gegen die Unterdrückung der LGBTQ+ durch die Polizei auflehnten. „Wir müssen einen Weg finden, als eine Gemeinschaft Black Art zu unterstützen. Jahrelang wurde über ein zu korporatives Pride gemeckert, jetzt ist es an der Zeit, um dazuzulernen und Pride auch als eine Veranstaltung für die Black und Brown Queer People und Transgender zu machen.“ Auch die Einstellung innerhalb der Fashion-Industrie müsse sich ändern, fügt sie hinzu. „Sämtliche Modehäuser und Modelinien sind seit jeher auch von der Kultur der Transgender und Black Community geprägt worden. Das eine ist ohne das andere gar nicht möglich“, erklärt sie.

Playsuit von Gucci. Sandalen von Proenza Schouler + Birkenstock.
Kleid von Christopher Esber.

„Ich glaube, ich habe meinen STIL gefunden, als ich REALISIERT habe, dass ich mich nicht jeden Tag wie eine FRAU kleiden muss“

Straus selber hat bereits an der Seite von Lil Nas X and Jane Fonda als Model für Guccis neue, nachhaltige Kollektion „Off The Grid“ mitgewirkt. Ganz gleich, ob sie einen Anzug trägt ­– Straus ist bekennender Fan der lässigen, „Baggy“-Styles – oder eine Robe, für Straus ist Fashion eine regelrechte „Charakterstudie“. Ich frage sie, ob sie ihren persönlichen Stil bereits gefunden habe. „Ich glaube, ich habe meinen Stil gefunden, als ich realisiert habe, dass ich mich nicht jeden Tag wie eine Frau kleiden muss“, erinnert sie sich. „Viel zu lange habe ich krampfhaft versucht, mich dem Stereotyp zu beugen und mich wie eine „typische“ Frau zu kleiden. Doch mittlerweile kleide ich mich so, wie ich mich fühle – mal super extravagant, mal im modernen Officelook.“

Zum Abschluss unseres Gesprächs frage ich Straus, wie sie sich jetzt am Ende der Ausgangssperre fühle. „Es war wirklich eine Berg-und-Tal-Fahrt“, sagt sie und bezieht sich hierbei auf die emotionalen Turbulenzen in diesem Ausnahmezustand, und nicht auf ihre Beziehung. Auch im Hinblick auf ihre kreative Arbeit sei sie an ihre Grenzen gestoßen: „Normalerweise bin ich ständig mit dem Tour-Bus unterwegs, und habe mir immer gewünscht mehr Zeit am Computer oder für Gitarrenspielen zu haben. Als ich dann so viel Zeit hatte, wusste ich gar nichts mit mir anzufangen. Quinn ging es genauso. Es war, als müssten wir erst mal herausfinden, auch in dieser Situation wie Künstler für uns selbst zu leben, und nicht Künstler für Profit zu sein.“

Straus betont, wie sehr sie die Auftritte vor ihren Fans vermisse, mehr als sie erwartete. Mit einem breiten Schmunzeln verrät sie, dass ihr Ego darunter leide, nicht mehr jeden Abend von Tausenden Menschen bejubelt zu werden. „Sie müssen sich das mal vorstellen, drei Monate auf Tour zu sein, in einem Bus mit der Crew und eingeschränkter Verbindung zur Außenwelt. Gehe ich mal in eine Bar – und das sind meistens Gay Bars – erkennen mich die Leute sofort. Dann stehe ich für 70 Minuten auf der Bühne und wieder im absoluten Mittelpunkt. So geht das immer weiter. Das ist ganz schön seltsam, wenn man drüber nachdenkt. Sobald die Tour endet, hat man automatisch in diesen Entzug von Bewunderung und Aufmerksamkeit. Damit muss das Ego erst mal klarkommen.“

Hemd von Andersson Bell. Sonnenbrille von Givenchy. Kette King Princess’ eigene.

Die angekündigte Tour mit Harry Styles soll zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden, doch Straus weiß noch nicht, wie und ob „Live Music“-Events nach Abklang der Pandemie in der Zukunft abgehalten werden dürfen. „Große Menschenansammlungen für monetäre Gründe sind wahrscheinlich die letzte Branche, die zurückkehren wird. Bei einem Musikkonzert kommt man sich nun mal extrem nahe. Ich denke, da wird sich einiges ändern müssen und das ist auch gut so“, sagt Straus. „Wir dürfen nicht vergessen, dass mehr als 100.000 Menschen in meinem Heimatland an diesem Virus gestorben sind. Von daher werde ich alles dafür tun, um die Sicherheit der Fans in der Zukunft zu schützen. Ich möchte nicht, dass sich Menschen auf meinen Konzerten anstecken.“

In der Zwischenzeit, die eine Weile andauern könnte, plant Straus an ihrem zweiten Studioalbum zu arbeiten. „Cheap Queen bezeichne ich gerne als mein trauriges, lesbisches Album, es war wie eine Erlösung für mich. Zu der Zeit durchlebte ich so einiges und brauchte diese biografische Arbeit, um meine Gefühle darstellen zu können. Mittlerweile geht es mir mehr um meine Fans, und darum, richtig gute Musik zum Tanzen zu machen. Meinen Fokus richte ich jetzt eher auf absolute Granatenmusik.“ Macht Sinn, merke ich an, denn Straus hat diese extrem positive und knallige Art an sich. „Ja, ich glaube ich bewege mich immer hin und her, eine Spaßkanone zu sein und dann wieder extrem schwere und tiefsinnige Kunst zu kreieren“, gesteht sie. „Ohne die Musik wäre ich eine sehr traurige Person, das steht fest.“

Letztendlich wird sich von diesem Moment an alles von ihren Live-Shows bis hin zu ihrer Musik radikal verändern. Und die Hoffnung besteht, dass sich auch die Welt verändern wird. „Eine wirklich verrückte Zeit, 21 Jahre alt zu sein. Wie wirst du dich wohl später daran erinnern?“, frage ich sie, bevor sie sich auf den Weg zum Flughafen macht. „Das ist eine seltsame Frage“, lacht sie. „Vermutlich werde ich mein 21. Lebensjahr als ein extrem entscheidendes Jahr des Lernens in Erinnerung behalten. Ich lerne gerade, ein kooperativer und ein besserer Team-Player zu sein, eine bessere Partnerin, eine bessere Hundemama… Jeder in meinem Team ist mit Herzblut bei der Sache und imstande, richtig gute Kunst zu schaffen. Doch gleichzeitig sind wir uns alle bewusst, dass wir auch in diesem Prozess soziale Verantwortung übernehmen müssen.“