Coverstory

Moment der Wahrheit

mit

Jodie Comer

Sie ist die britische Schauspielerin, die am besten für ihre preisgekrönte Darstellung der Villanelle in Killing Eve bekannt ist – möglicherweise die stilvollste Auftragsmörderin, die die Welt je gesehen hat. Hier spricht JODIE COMER mit KATIE BERRINGTON über ihren beängstigenden Übergang vom Fernsehen auf die große Leinwand, wie sie ihr Privatleben aus dem Rampenlicht hält und warum sie mehr denn je entschlossen ist, sich selbst treu zu bleiben

Foto Juliette CassidyStyling Helen Broadfoot
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Dieses Bild: Kleid von Bottega Veneta. Schuhe von Prada. Strumpfhose von Wolford. Bild oben: Oberteil von Prada. Handschuhe von Saint Laurent. Leggings von Totême.

Jodie Comer lernt gerade, ihrem Bauchgefühl zu vertrauen. „Mir wird häufig gesagt, dass ich einen guten Instinkt hätte“, erzählt sie, als wir uns auf einer Rooftop-Terrasse eines Londoner Hotels treffen, warm eingepackt in Decken (es ist später Oktober und aufgrund der Pandemie können wir nicht drinnen sitzen). „Deswegen raten mir Leute immer: ‚Bleib dabei, hör auf dein Gefühl.‘“

Dieser Rat sowie ihr Instinkt haben der 27-Jährigen aus Liverpool bisher für ihre Karriere gute Dienste geleistet. „Wenn ich nicht gleich ein Gefühl für eine Rolle habe und ich mit ihr nicht mitempfinden kann, oder ich keine Entschuldigung für sie finden kann, wenn die Person ganz furchtbar ist, dann rühre ich das Projekt nicht an“, lächelt sie.

Ihre Karriere begann mit vereinzelten Folgen in Fernsehserien und weiteren Rollen in Dramen wie Doctor Foster, Thirteen und The White Princess. Doch die gekonnte Verkörperung der talentierten Auftragsmörderin Villanelle in Phoebe Waller-Bridges herausragendem Katz-und-Maus-Drama Killing Eve, verhalf Comer zu weltweitem Ruhm. Ihre abwechslungsreiche Darstellung und ihre Kunst, sich die verschiedensten Akzente anzueignen, haben ihr höchstes Lob von Publikum und Kritikern sowie einen Emmy und einen Bafta als beste Hauptdarstellerin eingebracht. Verspürt sie nun Druck, sich nach diesem triumphalen Erfolg die richtigen Rollen auszusuchen?

„Ich versuche einfach, mir selbst treu zu bleiben“, überlegt sie. „Gibt es etwas, das ich noch nicht erforscht habe? Denn die Sache bei Killing Eve oder Ähnlichem ist, dass jeder eine Meinung dazu hat.“

„Rechenschaft bin ich NUR mir selbst schuldig. Solange ich Projekte mit INTEGRITÄT anpacke, muss ich einfach nur die Stimmen von AUSSEN ausblenden“

Trenchcoat und Kette von Saint Laurent. Rollkragenpullover von Joseph. Stiefel von Miu Miu.

„Selbstverständlich hatte ich großes Glück, denn Villanelle ist eine unter Millionen“, fährt sie fort. „Die Rolle ist einfach so fabelhaft, dass sich die Leute wahrscheinlich denken: ‚Na gut, wie kann man das noch toppen?‘“ Comer hat sich allerdings vorgenommen, sich davon nicht allzu sehr beeinflussen zu lassen. „Rechenschaft bin ich nur mir selbst schuldig. Solange ich Projekte mit Integrität und dem Wissen, warum ich es mache, anpacke, muss ich einfach nur die Stimmen von außen ausblenden.“

Bisher war sie vor allem im Fernsehen zu sehen und gibt zu, dass der Wechsel auf die große Leinwand ein bisschen furchteinflößend war. Letztes Jahr hat sie die Science-Fiction-Action-Komödie Free Guy abgedreht, die von einem Mann handelt, der herausfindet, dass seine Welt ein Open-World-Videospiel und er ein Spieler darin ist. Comer spielt darin neben Ryan Reynolds die Programmiererin Milly sowie ihr virtuelles Alter-Ego Molotov Girl unter der Regie von Shaun Levy.

„Ich habe so lange Projekte fürs Fernsehen gemacht, dass ich mir dachte: ‚Oh, vielleicht bin ich eine TV-Schauspielern, vielleicht werde ich nie Filme drehen.‘ Und vor Jahren war da vielleicht eine klare Trennlinie, doch jetzt glaube ich, gibt es sie nicht mehr. Als ich Free Guy drehte, fühlte sich das monumental an. Die Größe von allem war einschüchternd: die Sets, die Stunts, es war sehr anstrengend. Doch als ich mich an den Rhythmus gewöhnt hatte, bemerkte ich, die Menschen sind die gleichen, die Disziplin ist die gleiche – es ist also der gleiche Vorgang, man bereitet sich wie gewöhnlich auf die zu spielende Rolle vor.“

Blazer und Rock von Prada. Schluppenbluse von Saint Laurent. Strumpfhose Eigentum der Stylistin.
Blazer und Rock von Prada. Schluppenbluse von Saint Laurent. Schuhe von Manolo Blahnik. Strumpfhose Eigentum der Stylistin.

Comer war in die Kostümauswahl involviert, um sicherzugehen, dass ihr Charakter entsprechend für die actionreiche Rolle gekleidet ist. „Molotov Girl ist ein Avatar, der von Milly erschaffen wurde – er ist ihr Traum, ihre Kreation. Das musste auf jeden Fall zum Ausdruck gebracht werden, sie konnte nicht das Ideal eines Mannes sein“, sagt sie. „Diesen Grundsatz hatte ich auch bei Villanelle. Ganz am Anfang hat Phoebe [Waller-Bridge] gesagt: ‚Das ist echt, das ist praktisch, das wird nicht lächerlich sein.“

Sie muss zugeben, dass sie Villanelles aufregende Designer-Garderobe ein kleines bisschen vermisst. „Nachdem ich Killing Eve gedreht hatte und zu Milly zurückkehrte, die nur Jeans und T-Shirts trägt, sagte ich: ‚Wo ist die Kleiderstange mit meiner glamourösen Kleidung, Leute?‘“, scherzt sie typisch humorvoll.

Heute trägt Comer – die der Star von Loewes F/S20-Kampagne und das neue Gesicht der Hautpflegelinie Noble Panacea ist – Jeans und einen schulterfreien grauen Kaschmir-Cardigan von Frame. „Es fühlt sich so an, als hätte ich bereits neun Leben gelebt, was Mode und Frisuren angeht. Ich erinnere mich, wie ich damals in Minikleidern, super-hohen Heels und einer Clutch ausging, und heute denke ich mir: ,Oh mein Gott!‘“ lacht sie und schneidet eine Grimasse.

„In meinem KOPF war es so, als ob eine Gruppe von Leuten vor meiner TÜR warten würde, um mir GEMEINHEITEN zu sagen und ich würde sie einladen: ,Kommt rein!‘“

Mantel, Schuhe und Strumpfhose von Saint Laurent. Body von Alaïa.

Das Gespräch beginnt, sich um Privatsphäre zu drehen, und Comers unbeschwerter Ton wird ernstafter. Durch ihre wachsende Bekanntheit ist auch das Interesse an ihrem Privatleben gestiegen, auch wenn sie versucht, es aus dem Rampenlicht zu halten. „Ich glaube, im letzten Monat habe ich es herausgefunden. Es hat etwas gedauert, aber es kam zu einem Punkt, an dem es begann, meine Gesundheit anzugreifen“, sagt sie im Hinblick darauf, wie sich ihr Verhältnis zu den Sozialen Medien geändert hat. „Ich glaube, man vergisst, wie leicht erreichbar man durch Mobiltelefone geworden ist. In meinem Kopf war es so, als ob eine Gruppe von Leuten vor meiner Tür warten würde, um mir Gemeinheiten zu sagen und ich würde sie einladen: ,Kommt rein! Setzt euch auf meine Couch und fangt an‘. Als ich bemerkte, dass es das war, was ich tat, wusste ich, dass ich damit aufhören musste, und habe es seither auch nicht mehr gemacht. Denn ich möchte diese Leute weder in meinem Haus noch in meinem Kopf haben.“

Das Umdenken kam von einem besonders verletzenden Eingriff in ihre Privatsphäre, als die Identität ihres Freundes in den Medien bekannt gemacht wurde. „All diese Falschinformationen, die über ihn verbreitet wurden, und Leute machten sich über ihn, mich und meine Familie lustig. Die Menschen nahmen diese Tweets als Wahrheit an. Noch niemals zuvor war mein Leben so unter der Lupe gewesen und öffentlich diskutiert worden“, sagt sie. „Viele Menschen lesen Dinge und denken sich: ‚Wow, so ist sie also‘. Und ich denke mir, okay, ich kann mein Leben und meine Energie darauf verwenden, zu versuchen, alle vom Gegenteil zu überzeugen, oder ich kann einfach ich selbst sein, denn ich kenne die Wahrheit und das reicht mir.“

„Wenn es ETWAS gibt, das anfangs FURCHTEINFLÖSSEND wirkt, dann weiß ich, dass es etwas ist, das ich tun MUSS“

Mantel und Rock von Philosophy di Lorenzo Serafini. Body von Loulou Studio. Schuhe von Saint Laurent. Kette von Jennifer Meyer. Strumpfhose Eigentum der Stylistin.

Ihr Privatleben aus dem Licht der Öffentlichkeit zu halten, ist oberste Priorität für Comer. „Für meine Familie und meinen Freund, der eine Privatperson ist, ist das sehr wichtig, denn diese Erfahrung kann sehr komisch und surreal sein. Ich passe gut auf, was ich in mein Familienleben lasse, es geht da um Sicherheit.“

Den Lockdown hat sie größtenteils bei ihrer Familie in Liverpool verbracht, was der Lichtblick in einem turbulenten Jahr war. „Es gibt nichts Besseres als mit meiner Mutter, meinem Vater und meinem Bruder zu Hause auf der Couch zu sitzen und zusammen fernzusehen“, erzählt sie. „Mein Bruder und ich haben uns einige Spiele für den Garten besorgt, die man über die Wäscheleine spielen kann, wie Badminton. Wir waren wieder wie Kinder, mussten beim Nachbarn anklopfen und fragen: ‚Können Sie bitte den Ball zurück über den Zaun werfen?‘“

„Ich habe viel Zeit alleine verbracht, was ich liebe, aber ich glaube, andere Menschen geben mir auch sehr viel“, sagt sie. „Nach Hause zu kommen, ist wie eine große Umarmung.“

Kleid von Proenza Schouler. Schuhe von Emilia Wickstead. Strumpfhose von Wolford.

Zu Beginn des Jahres hatte sie gerade mit dem Dreh des historischen Drama-Thrillers The Last Duel – mit Matt Damon und Ben Affleck und unter der Regie von Ridley Scott – begonnen. Der Dreh wurde aufgrund der Pandemie nach einer sechsmonatigen Unterbrechung erst im September 2020 abgeschlossen. Wenn sie darüber nachdenkt, welche Rollen sie als nächstes spielen möchte, befindet sie sich zurzeit „in einer Art Schwebezustand“. In Bezug auf zukünftige Projekte wird sie aber nicht auf Nummer sicher gehen. „Wenn es etwas gibt, das anfangs furchteinflößend wirkt, dann weiß ich, dass es etwas ist, das ich tun muss. Ich finde, dass Herausforderungen sehr wichtig sind, ansonsten pendelt man sich auf einem gewissen Level ein und ist nicht zufrieden.“

Und wie sieht eine solche Herausforderung für sie aus? „Ich würde sehr gerne in einem Musical mitwirken! Ich war ein RIESIGER Theater-Fan und ganz versessen auf Musicals.“ (Ihre Lieblingsmusicals sind Cats und Guys and Dolls und ja, sie kann singen).

„Ich denke, mir macht es die GRÖSSTE Freude zu wissen, dass ich mich VORBEREITET habe, dass ich ALLES getan habe, was ich konnte“

Mantel von Gucci. Schuhe von Saint Laurent. Strumpfhose von Wolford.

Dieses Jahr hat Comer die Hauptrolle der Lesley in der BBC-Neuverfilmung Talking Heads (im Original gespielt von Julie Walters) angenommen. Dieser Job war „das Schwierigste, das ich jemals gemacht habe“, erinnert sie sich. Das Projekt wurde während des Lockdowns gefilmt, es gab drei Wochen lang Proben über Zoom mit Regisseurin Josie Rourke. Danach durfte nur der jeweilige Schauspieler, der Kameramann und noch eine weitere Person am Set sein, während sie 20 Seiten Dialog aufnahm.

„Als ich an diesem Tag nach Hause ging, war ich sehr stolz auf mich. An das werde ich mich immer erinnern“, sagt sie. „Natürlich möchte man, dass die Leute es mögen und fühlen, wie sie sich fühlen, doch wie habe ich mich gefühlt, als ich es gemacht habe? War ich stolz? Habe ich mein Bestes gegeben? Habe ich etwas gelernt? Ja? Das ist alles, was ich wissen muss.“

„Ich denke, mir macht es die größte Freude zu wissen, dass ich mich vorbereitet habe, dass ich alles getan habe, was ich konnte“, schließt sie ab. „Meine stolzesten Momente sind, wenn ich für mich selbst mein Bestes gebe.“ Man kann nicht leugnen, dass sie genau das tut.

Free Guy wird im Jahr 2021 ausgestrahlt