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Faszinierende Frauen. Einzigartige Mode. Jeden Tag.

Porter
Coverstory

Eine Frau der Taten

mit

Claire Danes

Von der turbulenten Teenagerin bis hin zur chaotischen, doch genialen CIA-Agentin, CLAIRE DANES hat das einzigartige Talent, sämtliche Facetten und Emotionen komplexer Heldinnen überzeugend darzustellen. Anlässlich des bevorstehenden Finales der Serie Homeland spricht sie mit JANE MULKERRINS über Beziehungen, Handwerk und das Leben ohne Carrie

Foto Yelena YemchukStyling Lilli Millhiser
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Am Tag vor unserem Interview kommt eine Frau mittleren Alters in ihrer Barre-Stunde auf Claire Danes zu und gesteht ihr ihre bedingungslose Liebe für Willkommen im Leben, eine kurzweilige, aber prägende Familienserie, in der Danes die Rolle der unsicheren Teenagerin Angela Chase spielte. „Die Serie hatte etwas Magisches”, sagt Danes lächelnd. „Ich konnte das damals nicht immer sehen, es war meine erste große Rolle.“ Eine Rolle, die der Schauspielerin ihren ersten Golden Globe im Alter von 14 Jahren einbrachte.

Es ist ein stürmischer Nachmittag im West Village in Manhattan, wo die inzwischen 40-jährige Danes, mit ihrem Mann, dem britischen Schauspieler Hugh Dancy und den gemeinsamen Söhnen Cyrus (sieben Jahre) und Rowan (17 Monate) wohnt. Nach wie vor wird sie für Rollen erkannt, die mehr als zwei Jahrzehnte zurückliegen, doch eigentlich ist Danes ausgesprochen gut darin, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf sich zu ziehen. Zum Interview erscheint sie dick eingemummelt in Steppjacke und Beanie, darunter trägt sie Jeans und einen warmen Pullover.

Während sie sich aus ihrer Winterkleidung schält, frage ich mich, ob sie häufiger mit Angela Chase als mit Carrie Mathison assoziiert werde. Die Verkörperung der brillanten, aber chaotischen CIA-Agentin, die Danes acht Jahre lang gespielt hat, verhalf ihr zu zwei weiteren Golden Globes und zwei Emmys. „Inzwischen ist es relativ ausgewogen“, überlegt Danes. In der gleichen Barre-Stunde, sagt sie, habe ihr eine weitere Teilnehmerin gesagt, wie großartig sie Homeland fände.

„Ich werde es wirklich vermissen, eine so BRILLANTE, furchtlose, impulsive und auch irgendwie gescheiterte HELDIN zu spielen“

Dieses Bild: Mantel und Hose von MaxMara. Top von The Row. Ohrringe von Laura Lombardi. Halskette von Armreif von Loren Stewart. Uhr von Cartier. Ring gehört Clare Danes. Obiges Bild: Weste von Nili Lotan. Schmuck gehört Clare Danes.
Mantel und Hose von MaxMara. Top von The Row. Schuhe von Khaite. Ohrringe von Laura Lombardi.

Nun aber hat Carries charakteristische Umhängetasche ihren letzten Einsatz. Ein letztes Mal riskiert Danes, gespielt natürlich, ihr Leben, um terroristische Anschläge zu verhindern, denn die neue Staffel von Homeland, die achte, wird die letzte sein. „Ich werde es wirklich vermissen, eine so brillante, furchtlose, impulsive und auch irgendwie gescheiterte Heldin zu spielen“, gibt sie zu. „Sie kann einem ziemlich auf den Geist gehen, aber am Ende hat sie immer Recht. Irgendwie scheint sie mit ihrer verqueren Art durchzukommen.“

Sie ist sich der Dimension bewusst, eine so prägende Rolle über einen derart langen Zeitraum gespielt zu haben. „Als es mit Homeland losging, hatte ich gerade erst geheiratet. Vor Kurzem hatten wir unseren zehnjährigen Hochzeitstag. Und wir haben einen Siebenjährigen und ein Kleinkind – WTF?“, sagt sie kopfschüttelnd, während sie die Speisekarte inspiziert. „Zudem sind wir echte Weltbürger geworden. Unsere beiden Söhne haben in Marokko [wo Homeland zum Großteil gedreht wird], Krabbeln gelernt, und ich habe ein paar lustige Bilder von mir, wie ich in marokkanischen Green Rooms Milch abpumpe.“

Es besteht kein Zweifel daran, dass sie auch ihre Rolle als Mutter überaus genießt. „Man muss sich umstellen, aber ich liebe es und habe es mir immer gewünscht. Aber deshalb war es auch besonders spannend, jemanden zu spielen, dem diese Rolle nicht gefällt, und der sie auch niemals wollte“, beschreibt sie Carrie, die in der vierten Staffel freiwillig das Sorgerecht für ihre Tochter abgibt. „Ich fand es interessant, mich damit zu beschäftigen, auch weil es immer noch ein großes Tabu ist. Frauen dürfen heutzutage sehr viel mehr als früher, aber wir erlauben ihnen immer noch nicht richtig, nicht Mutter sein zu wollen.“

„Die UNI hat mir gutgetan, weil ich so meine ANGST vor FRAUEN mindern konnte“

Jacke und Hose von Balenciaga. Hemd von La Collection. Schuhe von Khaite. Ohrringe von Anita Ko. Uhr von Jaeger-LeCoultre. Ring gehört Clare Danes.

Carrie war in der Tat eine komplizierte Serienheldin, und das lange bevor andere Serien schwierige Charaktere für sich entdeckten, denn die Zuschauer schienen Gefallen daran zu finden. „Sie hat wirklich immer und immer wieder ziemlich krasse Sachen gemacht, wir haben die Sympathie der Zuschauer konstant auf die Probe gestellt.“ Aber sie ist auch extrem fähig und furchtlos. „Das zu spielen, war ein berauschendes Gefühl“, so Danes. „Und es hat Spaß gemacht, so selbstbewusst aufzutreten.“

Aufgewachsen ist Danes nur unweit unseres Treffpunktes, in der Crosby Street in SoHo, bevor sich, so die Schauspielerin, das Viertel in „ein Einkaufszentrum” verwandelt habe. Ihr Vater Christopher ist Fotograf, ihre Mutter Carla Bildhauerin. Zudem führte ihre Mutter von ihrer Dachgeschosswohnung aus auch noch eine Kindertagesstätte. In der Künstler-Community ihres Umfelds war es „nicht nur erlaubt, sondern wurde auch gefördert und geschätzt“, dass die Kinder ihrer Kreativität freien Lauf ließen. Noch am Tag zuvor war sie mit ihrem guten Freund Designer Zac Posen verabredet, der im gleichen Viertel aufwuchs. „Er, Lena Dunham, Gaby Hoffmann [beide ebenfalls Freundinnen von ihr], ich – es ist kein Zufall, dass wir alle in kreativen Berufen gelandet sind.“

Im Alter von fünf Jahren entschied die selbstbewusste Danes, dass sie Schauspielerin werden und Unterricht am Lee Strasberg Institute nehmen wollte. Mit 12 war sie bereits bei einer Agentur unter Vertrag, und nach nur einem Gastauftritt als junge Mörderin in Law & Order erhielt sie mit 14 Jahren die Rolle in Willkommen im Leben. Kurze Zeit später legt sie neben Winona Ryder in Betty und ihre Schwestern ihr Filmdebüt hin, bevor sie mit 16 an der Seite von Leonardo DiCaprio die Titelrolle in Baz Luhrmanns berühmter Filmadaption von Romeo & Julia übernahm.

Mantel von Gucci. Schuhe von Khaite. Ohrringe von Anita Ko. Ringe (rechte Hand) gehören Clare Danes, weitere von Sarah & Sebastian, Stvdio. Ring (linke Hand) gehört Clare Danes.

„Es war so aufregend, dabei zu sein, ich habe es geliebt“, erinnert sie sich. „Aber es war auch richtig anstrengend. Die Dreharbeiten fanden in Mexiko-Stadt statt und es war alles etwas rau. Die Story schien sich abseits des Sets fortzusetzen, wie so oft. Es gab eine Gang, junge Typen, Romeos Truppe. Im Raum lag eine ziemliche Spannung…“

Dass sie keine typische Highschool-Zeit hatte, während sich an ihrer Karriere arbeitete, störte Danes nicht im Geringsten. Die Schuljahre davor beschreibt sie als „einsame Hölle; ich wusste einfach nicht, wie ich mich hätte verhalten sollen.“ Doch nach 13 Filmen innerhalb von Jahren beschloss sie mit 18 Jahren eine Pause vom Filmgeschäft einzulegen, um in Yale Psychologie zu studieren. „Die Uni hat mir gutgetan, weil ich etwas Angst vor Frauen hatte“, gesteht sie. „Am Set war ich immer von Erwachsenen umgeben. Zeit mit gleichaltrigen Frauen hatte ich zuletzt in der Mittelstufe verbracht, und diese Mädchen hatten sich als furchteinflößende, grausame Kreaturen in meinem Gehirn eingebrannt. An der Uni habe ich dann gemerkt, dass Menschen dem auch entwachsen.“

Mantel von Gucci. Ohrringe von Anita Ko. Ringe von Sarah & Sebastian, Stvdio.

„Ich war wirklich KOMISCH drauf. Ich wusste nicht, wie man mit anderen ABHÄNGT. Ich musste mich ständig BEWEISEN“

Bei früheren Interviews erschien mir Danes immer als extrem intelligent und wortgewandt, aber auch als reserviert. Heute wirkt sie ungewöhnlich offen. Gut gelaunt erzählt sie von Dancy und den Jungs, und lustige Alltagsanekdoten über ihren altersschwachen Hund und ihre Katze. Hat ihr 40. Geburtstag, den sie am Homeland-Set in Marokko mit einer großen Party gefeiert hat, sie milder werden lassen. „Ich habe mich immer so alt gefühlt, wie ich jetzt bin. Es ist schön, dass ich dieses Alter endlich erreicht hab“, sagt sie. „Jetzt fühlt es sich richtig an.“

Sie gibt zu, seltsam gewesen zu sein. „Das ist keine Effekthascherei, ich war wirklich komisch. Ich wusste nicht, wie man mit anderen abhängt. Ich muss mich immer irgendwo einbringen”, beschreibt sie achselzuckend ihr jüngeres Ich. „Ich habe in meinem ganzen Leben nicht einmal geschwänzt, meine Strümpfe gingen immer artig bis zum Knie. Ich war die ultimative Streberin und definitiv nie cool.“

Dancy muss sie aber doch bestimmt ein bisschen cool gefunden haben, als sie sich 2007 am Set des Films Spuren eines Lebens kennenlernten, oder? „Hugh ist auch ein großer Streber”, so Danes. „Als wir anfingen, zusammen auszugehen, also ganz am Anfang, habe ich eine Bastelaktion für Weihnachtsdeko organisiert; er hat mir geholfen! Und dann hat er ein Dekoteil aus Cowboy-Papierpuppen gebastelt und ich dachte mir nur: ,Er bastelt?’. Damit war die Sache geklärt”, sagt sie. Danach hieß es für sie: „Jetzt wirst du mich für den Rest des Lebens nicht mehr los.“

Mantel von Loewe. Kleid von Jil Sander. Halskette und Armreif von Loren Stewart. Uhr von Jaeger-LeCoultre. Ring (linke Hand) gehört Clare Danes, Ringe (rechte Hand) von Sarah & Sebastian, Stvdio. Ohrringe von Anita Ko.

„Frauen DÜRFEN heutzutage sehr viel mehr als früher, doch das RECHT, keine MUTTER sein zu wollen, ist nach wie vor ziemlich umstritten“

Hemd von Deveaux. Hose von The Row. Ring gehört Clare Danes.

Seit auch Kinder im Haus sind, gehören diese Bastelaktionen zum Alltag. Sie greift nach ihrem Handy, um mir die neuesten Trophäen ihrer Familie zu zeigen: extrem beeindruckende selbstgemachte Halloween-Kostüme. Dancy ist als Musikknochen gegangen. „Er hat einen Hut aus Pappmaché gebastelt – ich bin wirklich stolz auf meinen Mann“, grinst Danes.

Mehrere Jahre ihrer Ehe verbrachte Dancy in Toronto, wo die Serie Hannibal gedreht wurde, in der er mitspielte. Danes dagegen war in Charlotte, North Carolina, wo die Filmarbeiten für Homeland stattfanden. „Das war hart”, gibt sie zu. „Die Distanz nagt an einem, und ich bin schlecht darin. Und eigentlich möchte ich auch gar nicht gut darin sein. Wir haben im Laufe der Jahre gelernt, wie wichtig es für uns ist, dass wir so oft es geht zusammen am gleichen Ort sind.“

Wie es das Glück so will, oder die es Planung erlaubt hat, hat auch Dancy eine Rolle in der letzten _Homeland-_Staffel. Er spielt darin einen außenpolitischen Berater des Präsidenten. „Das war ein schöner Abschluss der Serie“, begeistert sich Danes. „Ich hatte keine einzige Szene mit ihm, aber an meinen freien Tagen habe ich ihn am Set besucht. Er ist wirklich gut.“ Sie lacht. „Das hatte ich nicht direkt vergessen, aber wir sprechen nicht viel über die [Arbeit], deshalb war es schön, daran erinnert zu werden.“ Seinem Partner bei etwas zuzusehen, was er oder sie richtig gut kann, fasst sie zusammen, „ist richtig hot“.

Jacke von Georgia Alice. Kleid von Gabriela Hearst. Rollkragenpullover von Loro Piana. Ohrringe von Anita Ko. Ringe von Sarah & Sebastian, Stvdio.

„Ich würde gerne andere ROLLEN spielen, nicht unbedingt wieder eine SUPERHELDIN, vielmehr eine EHEFRAU“

Nun da Carries letzter Auftrag abgeschlossen ist, beginnt Danes langsam darüber nachzudenken, was als Nächstes kommt. Sie möchte gerne produzieren, was sie auch für die Serie bereits getan hat, inspiriert von Regisseurin Lesli Linka Glatter, die seit der dritten Staffel bei Homeland Regie führt. Sie sei, so Danes „eine echte Feministin und Aktivistin“. Sie habe junge Regisseurinnen ans Set geholt, um sie über die Schulter schauen zu lassen.

Es sei interessant, bemerkt Danes, „wie wir Dinge verinnerlichen“. Im Jahr 2011 spielte sie die Rolle der Temple Grandin, einer Tierverhaltensexpertin mit Autismus, für die es einen weiteren Emmy und einen Golden Globe gab. Dabei fand sie heraus, dass es eine unverhältnismäßig große Anzahl von Frauen auf dem Autismus-Spektrum in sehr ranghohen Positionen gibt. „Weil sie die eher subtilen Hinweise nicht verstehen, die ihren Ehrgeiz bremsen würden.“

Es folgte eine zweijährige Pause von der Arbeit. Die Rollen, die ihr angeboten wurden, fühlten sich allesamt zu seicht an, bis Homeland daherkam. Nun aber ist sie auf der Suche nach einer menschlicheren Note. „Ich möchte jemanden spielen, der etwas weniger Superheldin ist, jemanden in einer Beziehung, in einer Ehe.“ Sie lächelt. „Carrie war so isoliert. Sie hat immer gewitzelt, dass ihre Umhängetasche ihr bester und einziger Freund ist. Es wäre schön, eine normal alte Person zu spielen, einen etwas gewöhnlicheren Menschen.“

Die achte Staffel von Homeland erscheint am 9. Februar beim US-Sender Showtime und am im späteren Verlauf des Jahres beim britischen Sender Channel 4. Ein offizieller Starttermin für Deutschland und Österreich ist noch nicht bekannt.