Mit beiden Beinen fest im Leben
mit
Sara Sampaio

Leidenschaftlich, ehrlich und stets bereit, für ihren Körper und ihre Karriere einzustehen: Das portugiesische Model SARA SAMPAIO nimmt kein Blatt vor den Mund. JANE MULKERRINS enthüllt, was sie antreibt
Sara Sampaio ist wütend. Okay, das 26-jährige portugiesische Modell verwendet für ihre Gefühle ein weit stärkeres Adjektiv als dieses, aber hier beim geschriebenen Wort belassen wir es bei dem Ausdruck „wütend“. „Es wird von Models erwartet, dass sie am Set auftauchen, einfach nur schön sind, die Arbeit machen und kein Wort sagen“, erklärt sie. „Wenn wir unseren Mund dann doch aufmachen, werden wir als schwierige, rechthaberische Unruhestifter gebrandmarkt und es wird uns verdeutlicht, dass wir nicht wissen, wovon wir reden.“ Die Modelbranche ist eine der wenigen, in denen Frauen mehr als Männer verdienen, betont sie, „aber wir werden trotzdem immer noch nicht respektiert. Wir werden immer noch ausgebeutet. Und in dieser Industrie sind Mädchen so leicht austauschbar, dass sie oft das Gefühl bekommen, sich nicht äußern zu dürfen, sonst nimmt ein anderes Mädchen ihren Platz ein, die den Job dann einfach macht.“
Von ihrem Engagement als „Victoria’s Secret“-Engel bis hin zu ihren mehr als 10 Millionen Followern, Sampaio ist schon lange keine Unbekannte mehr und auf Social Media nutzt sie ihre Stimme um „die Leute zur Verantwortung zu ziehen“, denn sie ist nicht eines dieser Mädchen, das „den Job einfach nur macht“. Im Sommer 2017 nutzte sie Instagram, um das Lui-Magazin – eine französische Version des Playboys – zurechtzuweisen, nachdem es enthüllende Bilder von ihr veröffentlicht hatte. „Ich habe kein Problem mit Nacktheit, ich habe Nacktbilder bereits in der Vergangenheit gemacht, aber ich mache keine Nacktbilder für Männermagazine,“ erklärt sie. „Ich kann Nacktheit andeuten, aber ich möchte meine Brüste nicht in einem Männermagazin präsentieren.“ Das Model betont, dass Lui ihren Konditionen zustimmte und unterzeichnete eine Vereinbarung, die Nacktheit untersagt. Am Set versuchte ein Teammitglied sie dennoch zu überreden, dem nachzugeben, aber sie zeigte sich standfest. Beim Shooting rutschte ihr das pelzartige Cover-up, das sie trug, von der Schulter und legte versehentlich ihre Brust frei; sie sagt, es wurde ihr jedoch versichert, dass dieses Foto nicht verwendet werden würde. „Und hier wollten sie nasse Haut zeigen…“ Sie fährt sich über das Schlüsselbein. „Also wurde das Top nass gemacht. Aber sie versicherten mir wieder, dass sie lediglich einen Ausschnitt des Bildes von meinem Hals aufwärts verwenden würden.“
Als die Ausgabe an den Zeitungsständen erschien, zierte Sampaio das Cover in weißen Höschen und einem Pelzüberwurf und ihre linke Brustwarze ganz offensichtlich bloßgelegt. Auf den Innenseiten der Ausgabe zeigte das „Nass-Shooting“ ihren kompletten Oberkörper… und beide Brustwarzen. „Das hat mich sehr verletzt“, sagt sie. „Also, was nun… muss ich jetzt jedes Mal, wenn ich am Set bin, solche Fotos löschen, um sicherzustellen, dass sie nicht doch jemand verwendet?“
Wir befinden uns in Queens, New York an einem frischen Märznachmittag und der schieferfarbene Himmel lässt Schnee verlauten. Selbst ohne Make-up – vielleicht auch vor allem ohne Make-up – ist Sampaio mit ihrer Mähne aus dunklem Haar, grünen Augen und wunderschönen Lippen unglaublich hübsch. Wenn sie lacht, und das macht sie oft, formt sich ihr Mund zu einem offenen, breiten Grinsen und sie erscheint auf liebenswerte Art leicht albern. Sie trägt Stiefel von Dr. Martens zur engen Jeans und zieht sich oft die Ärmel ihres gestreiften Kapuzenpullovers über die Hände. Für ein Model, das für sexy Dessous-Shootings bekannt ist, ist ihr Sexappeal alles andere als unverhohlen.
Es gab auch Zeiten in ihrer Karriere, da lief Sampaio bei allen vier aufeinanderfolgenden Fashion Weeks bei unglaublichen 90 Runway-Shows für Modehäuser wie Dolce & Gabbana, Miu Miu und Marc Jacobs. In diesem Jahr setzte sie alle aus und verbrachte den Februar stattdessen in LA. „Ich versuche als Schauspielerin Fuß zu fassen“, verrät sie. „Es ist immer noch alles sehr neu, aber ich nehme Schauspielstunden und gehe zu Vorsprechen. Viele Leute meinten vorab: Oh, du wirst so oft „Nein“ zu hören bekommen, so viele Ablehnungen.“ Sie lacht. „Ich bin Model und an die „Neins“ gewöhnt. Aber sie ist sich ihrer eigenen „Neins “ bewusst. „Ich möchte nicht in irgendetwas sein, das… .“ Sie sucht nach dem passenden Wort. „Wie sagt man es am besten… „überflüssig“ ist? Ich will nicht dabei sein, nur weil ich hübsch bin.“
„Es wird von Models erwartet, dass sie einfach nur schön sind und kein Wort sagen. Wenn wir unseren Mund dann doch aufmachen, werden wir als schwierige, rechthaberische Unruhestifter gebrandmarkt.“
Sampaio ist in Porto an der Nordküste Portugals aufgewachsen. Ihr Vater ist ein professioneller Sporttaucher und ihre Mutter arbeitet für eine Importfirma. Mode hätte nicht weiter von ihrem Horizont entfernt sein können. „Meine Mutter würde Ihnen sagen, dass mein Sinn für Mode grauenhaft war,“ lacht sie. „Ich hatte überhaupt keinen Sinn für Stil.“ Sie wollte jedoch gerne Schauspielern.
Mit 16 trat sie bei einem Haar-Modelwettbewerb an. „Die vorherigen beiden Gewinner wurden später Schauspielerinnen und so dachte ich mir, ich habe tolles Haar, vielleicht kann ich gewinnen.“ Das hat sie und so kam es dann auch, dass sie von einer Modelagentur unter Vertrag genommen wurde. „Und dann ging alles Schlag auf Schlag.“
Im Alter von 19 Jahren lebte Sampaio in Paris und mit 20 zog sie dann nach New York und begann, für den Lingerie-Giganten Victoria’s Secret zu arbeiten. Davor wurde sie zweimal abgelehnt, aber bei ihrem dritten Versuch wurde sie für die viel gerühmte jährliche Catwalk-Show als Engel im Jahr 2015 gebucht, was gleichzeitig bedeutet, dass sie nun das ganze Jahr über für die Marke arbeitet.
Es ist sowohl ein lukrativer Vertrag als auch eine enorme Plattform, die das Profil eines Models in ungeahnte Höhen katapultiert. Aber das Unternehmen stellt hohe Anforderungen an die stets gebräunten Bodys – „Victoria’s Secret Angels“ arbeiten notorisch hart und es wird von den Models erwartet, dass sie jeden Tag makellos aussehen. „Ich stehe schon sehr unter Druck“, gibt Sampaio zu. „Aber der Druck kommt nicht von ihnen – ich baue ihn mir selbst auf. Du präsentierst dich stets in Dessous und dein Körper ist ständig zu sehen. Du willst einfach nur in Bestform sein.“ Sie trainiert fünf Mal pro Woche mit einem Personal Trainer. „Wenn ich könnte, würde ich von Pizza leben“, seufzt sie. „Aber ich kann nicht, weil ich älter werde“, sagt sie und legt ihren Kopf in ihre Hände. „Ich vermisse diesen Stoffwechsel, den du mit 19 Jahren noch hast.“
„Ich habe kein Problem mit Nacktheit, ich habe Nacktbilder bereits in der Vergangenheit gemacht, aber ich möchte meine Brüste nicht in einem Männermagazin präsentieren.“
Ich frage sie, ob sie in Zeiten, in denen sich Frauen kollektiv der Objektivierung widersetzen, Victoria’s Secrets Art, Frauen zur Schau zu stellen, fehl am Platz sei und sie vielleicht die Herangehensweise und Botschaft überdenken sollten? „Nein, das denke ich gar nicht“, antwortet sie entschieden. „Ich denke, es ist irgendwie heuchlerisch, wenn Menschen jetzt wollen, dass alle gleich sind, dass sie wollen, dass jeder ein Feminist ist. Aber wenn ein Mädchen sexy ist, weil es sexy sein möchte, sagen die Leute: „Oh nein, du kannst nicht sexy sein. Ist das nicht Anti-Feminismus?“ Ich weise darauf hin, dass einige Kritiker den „Sexappeal“ von Victoria’s Secret häufig als für Männer fabriziert sehen. „Victoria’s Secret ist nicht auf Männer ausgerichtet – wir verkaufen Dessous für Frauen“, betont Sampaio. „Wir verkaufen einen Traum. Jeder möchte sich sexy fühlen.“
„Ich denke, es ist irgendwie heuchlerisch, wenn Menschen wollen, dass alle gleich sind. Aber wenn ein Mädchen sexy sein möchte, sagen die Leute: ‚Oh nein, du kannst nicht sexy sein.‘ Ist das nicht Anti-Feminismus?“
Ich lenke das Gespräch auf ein sichereres Territorium und widme mich ihrem Freund Oliver Ripley: einem halb britischen, halb russischen, in Oxford ausgebildeten Unternehmer, mit dem sie seit zweieinhalb Jahren zusammen ist und der anscheinend noch mehr reist als sie. „Er kam für eine Woche nach LA und jetzt weiß ich nicht, wann ich ihn das nächste Mal sehen werde. Ich weiß nicht einmal, wo er gerade ist – vielleicht in Tulum? Auf jeden Fall irgendwo, wo es gerade warm ist.
„Vor kurzem gründete und lancierte er eine Hotelgruppe namens Habitas, von der das erste Hotel in einem angesagten mexikanischen Urlaubsort eröffnet wurde und weitere sollen auf den Bahamas und in Miami folgen. „Aber wir treffen uns immer irgendwo.“ Sie grinst fröhlich und gibt vor, am Telefon zu sein. „Er ruft dann an und sagt: ‚Wo wirst du nächste Woche sein? Paris? Oh, ich bin in London – willst du nicht für einen Tag vorbeischauen?‘ Wir geben uns Mühe, uns auch sehen zu können, insbesondere, wenn wir eine Weile getrennt waren. Es hält die Dinge am Leben.“Ripley recently co-founded and launched a hotel group called Habitas, the first of which has opened in the fashionable Mexican resort, with more to follow in the Bahamas and Miami. “But we always meet somewhere.” She grins merrily, and motions being on the phone. “He will call and say: ‘Where are you going to be next week? Paris? Oh, I am in London – do you want to pop in for a day?’ We make that effort to meet each other, especially when we have been apart for a while. It keeps the thing alive.”
„Victoria’s Secret ist nicht auf Männer ausgerichtet – wir verkaufen Dessous für Frauen. Wir verkaufen einen Traum. Jeder möchte sich sexy fühlen.“
Wenn sie nicht gerade reisen, haben beide ihren festen Wohnsitz in New York. Sampaio hat ein Appartement in Tribeca, aber die Stadt ist ihr „zu verrückt“. „Ich muss am Meer sein, ich brauche Platz und Sonnenschein. Ich liebe LA wirklich sehr“, seufzt sie verträumt. Und obwohl sie durch ihre Arbeit nur bedingt auf soziale Medien verzichten kann, gibt es ein digitales Detox, dem sie sich komplett verpflichtet hat. „Burning Man ist meine telefonfreie Zeit des Jahres“, sagt sie über das Festival in Black Rock City, Nevada. „Dort ist keiner mit seinem Handy beschäftigt, alle reden miteinander und posten nicht ständig.“
„Ich teile lediglich meiner Mutter mit, dass ich noch lebe und in fünf Tagen wieder erreichbar bin“, sagt sie. „Dann schalte ich mein Handy aus.“ Das klingt wie ein Traum.
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